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Besuch St. Ludwig


07.02.2013

Wie ein Zuhause!
Nicht jedem Mädchen geht es gut zu Hause. In manchen Fällen stoßen Erziehungsberechtigte von Mädchen oder die jungen Frauen selbst in der Familie aus den unterschiedlichsten Gründen an ihre Grenzen. In solchen Fällen ist Hilfe von außen notwendig. Es bedarf eines Platzes, welcher der Betroffenen die Möglichkeit bietet, aus der nicht mehr tragbaren Situation heraus zu kommen. Ein Ort, an dem sie lernen darf, wie man ein selbstverantwortetes Leben meistert, wie man in Gemeinschaft zu einer kompromissbereiten Persönlichkeit reift und wo jemand da ist, der einem hilft, wenn man selbst nicht mehr weiter weiß.
Als so ein Ort versteht sich das Antonia-Werr-Zentrum in Wipfeld, den wir Lehrer am ersten Schultag des neuen Schuljahres nach Unterrichtsende aufsuchten, um uns ein Bild davon zu machen, wie das Leben der Mädchen aber auch der erzieherischen Mitarbeiter in St. Ludwig aussieht. Nach einigen einführenden Worten zur Begrüßung und über die Entstehungsgeschichte der heilpädagogisch-therapeutischen Einrichtung für Mädchen und junge Frauen durch die Leiterin Sr. Agnella Kestler, wurden uns bei einer Führung über das Gelände die Räumlichkeiten und verschiedenen Angebote für die Bewohnerinnen gezeigt. So spitzten wir in eine Wohneinheit, die mit dem Gemeinschaftsraum, der Küche und den eigenen Zimmern uns fast an eine gemütliche Studenten-WG erinnerte. Dort, neben der naheliegenden, hauseigenen Schule und den vielen Freizeitmöglichkeiten spürten wir, welch große Bemühungen hier unternommen werden, um für die Mädchen mehr als einen Zufluchtsort zu bieten. Dass gemeinsam gekocht, der Haushalt erledigt, am Abend ferngesehen oder sich mit Freunden außerhalb verabredet wird, unterscheidet sich kaum vom Leben in der Familie. Dass aber auch hier nicht immer alles ganz reibungslos abläuft, davon berichten die Mitarbeiter auch. Wenn z. B. untereinander Streit um die Computerbenutzung entsteht oder Beschwerden aus den geländeeigenen Betrieben, wie der Gärtnerei kommen, weil ein Mädchen in ihrer Lehrzeit nicht pünktlich zur Arbeit erscheint, davon berichten die Mitarbeiter auch. Es liegt auf der Hand, dass es dann gar nicht immer ganz so einfach ist, mit der Einzelnen zu sprechen oder zwischen den Mitbewohnern zu vermitteln. Viele der Jugendlichen müssen respektvollen Umgang miteinander, Selbstorganisation und vor allem Selbstannahme und –liebe hier zum ersten Mal vorgelebt bekommen. Aber nicht selten erreicht eine Gruppe im Antonia-Werr-Zentrum gerade zur Weihnachtszeit auch wieder einmal ein Brief, in dem sich eine „Ehemalige“ meldet, sich an die Zeit vor St. Ludwig erinnert und nun voller Stolz von ihrer eigenen kleinen Familie berichtet und sich für die Unterstützung auf ihrem persönlichen Weg dahin noch einmal bedankt. Ein Happy-End könnte man meinen. Doch nicht für jede Bewohnerin  endet ihre Zeit in St. Ludwig im Glück. Zu schlimm lasten die Schatten der Vergangenheit auf mancher jungen Frau, die sie immer wieder einholen und es bleibt der Kampf im eigenen Leben zu bestehen. In diesem Bewusstsein verließen wir Lehrer an diesem Tag auch das Antonia-Werr-Zentrum und kamen zu dem Schluss, dass viele unserer Mädchen es leider oftmals gar nicht zu schätzen wissen, wie wertvoll eine liebende Fürsorge und ein echtes Zuhause sind. Sie können durch nichts und niemanden vollkommen ersetzt werden.
„Hier, wo die Menschenwürde gleichsam in Trümmer zusammengestürzt ist, wo alles verloren zu sein scheint, ist Hilfe am dringendsten. Solchen auf dem Strome des Lebens Gescheiterten eine rettende Hand reichen zu können, die zerschellten Trümmer ihres göttlichen Ebenbildes durch sorgfältiges Zusammenfügen wieder zu ihrem ursprünglichen Zwecke herzustellen, sie selbst mit einem oft mehr unglücklichen als tiefverschuldeten Geschicke auszusöhnen – welch' herrliche, wenn auch höchst schwierige Aufgabe wäre dieses!“
Antonia Werr
INFO:
Das Antonia-Werr-Zentrum beschäftigt rund 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Erzieherischen Hilfen, Schule und Ausbildung. Im Stationären Bereich verfügt das Zentrum über 68 Heimplätze für Mädchen, junge Frauen und Mütter, dazu fünf Plätze für Kinder sowie sechs Plätze in der Jugendschutz/Inobhutnahme-Stelle. Bis zu 20 Maßnahmen können im Ambulanten Bereich betreut werden. Dem Heim sind eine Förderschule mit dem Förderschwerpunkt soziale und emotionale Entwicklung mit Hauptschule, eine Klasse zur Lernförderung, die Berufsschule sowie verschiedene Ausbildungsbetriebe angeschlossen. Ziel der Förderung ist die personale, schulische und berufliche Integration der Mädchen und jungen Frauen.

Bericht: Kerstin Hertle, Bilder: Edith Pfrang
          
           

 



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